Die Angst übermalen

Graffiti in Mexikos Todesstadt

Misstrauen, Angst, Leere: Juárez in Mexiko galt lange als gefährlichste Stadt der Welt. Die Künstlergruppe Jellyfish will das Image ihrer Heimat aufpolieren und übertüncht den Schrecken mit grellen Wandgemälden.

Gewalt passiere in ganz Mexiko, nicht nur in Juárez, so der 26-jährige Pilo. Er und seine Clique wollen die Stadt auf andere Art präsentieren und Menschen mit Phantasie und Farbe glücklich machen. Mit seiner Freundin Atenas hat er "Jellyfish" gegründet, eine inzwischen fünfköpfige Kreativtruppe, die Kunstprojekte und Ausstellungen organisiert - und Juárez einen neuen Anstrich verpasst.

Die Spuren der Gewalt haben sich ins urbane Relief gegraben: leerstehende Häuser in vielen Vierteln, Freiflächen in der Stadt, Straßenzüge voller verlassener Geschäfte und Restaurants. Viele Bars und Clubs mussten schließen, als die Bewohner sich in ihre Wohnzimmer zurückzogen, weil der Krieg zwischen rivalisierenden Kartellen, Gangs, Polizei und Militär eskalierte.

Eine Stadt voller Narben
Ciudad Juárez ist eine Stadt voller Narben - und die Leinwand der fünf sympathischen Hipster vom "Jellyfish Colectivo". Sie haben Spitznamen wie Comicfiguren und sehen mit ihren Sonnenbrillen, Röhrenjeans und dem wuchtigen, roten Ford Taurus aus wie eine Rockabilly-Band.

Pilo, Francisco "Pika" Alfredo Chávez Flores, Alfonso "Poncho" de la Cruz, Ricardo "Kukui" Herrera Gonzalez und Atenas Campbell de la Cruz schlendern über einen versteckten Platz im Zentrum: Früher wurden hier Partys gefeiert, heute sind alle Bars rundherum geschlossen. Auf einem Haus erhebt sich ein riesiger, pinkfarbener Fuchs, die Pop-Art-Interpretation eines Fabelwesens des spanischen Schriftstellers Cervantes.

Die Werke der Clique lassen sich von Weitem erkennen. Auf Mauern, Häuserwänden, Garagentoren und Plätzen prangen phantasievolle Farbexplosionen: surreale Monster, bunte Vögel oder Figuren, die von Mexikos prähispanischer Geschichte inspiriert sind. Politische Botschaften gegen den Krieg um Drogen, Macht und Märkte sparen sie sich.

"Wir finden es sinnlos, die tägliche Gewalt zu kommentieren", sagt Pika, ein kleiner, sanfter Mexikaner. Morde, Verbrechen, Korruption würden sowieso schon die Schlagzeilen über Ciudad Juárez dominieren. Er findet, dass Künstler, die nach Juárez kommen, es sich oft zu leicht machen: "Manche setzen sich ein paar Monate ins Hotel, tippen dort im Internet herum, und nutzen dann das Schlimmste von Juárez für ihre Werke."

Berliner Start-Up-Flair in Juárez
Das "Jellyfish"-Kollektiv hat durchgehalten. In dem Haus, in dem Kukui mit seiner Mutter lebt, lagern ihre Kunstwerke, Kisten voller Sprühdosen, an den Wänden hängen besprühte Schallplatten, Masken und ein grün besprenkeltes Plastik-Sturmgewehr, Farbkleckse überall. In einem großen Fabrikgebäude haben sie sich ein Büro gemietet, das auch ein Berliner Start-Up beheimaten könnte: ein schmaler Raum, zwei Tischreihen mit Flatscreens, auf der sie gerade Szenen eines Animationsfilmes bearbeiten, von Pilos Opa ausrangierte Spielautomaten, auf denen sie "Pacman" spielen.

Inzwischen ist die Gewalt in Juárez zurückgegangen, wohl weil es einen Pakt zwischen den Kartellen gab. "Früher haben wir ständig Schießereien gehört und es gab 20 oder 25 Morde am Tag, jetzt sind es vielleicht fünf oder sechs", erzählt Kukui, mit 39 Jahren der Älteste der Gruppe. Mexikanische Städte wie Acapulco, Torreón oder Nuevo Laredo haben heute eine höhere Mordrate pro Einwohner.

"Ich glaube, die Leute brauchen Zeit"
Dass die Stadt sich in ein Idyll verwandeln könnte, glaubt Kukui nicht - es werde nie aufhören, weil die Grenze an den USA das Drehkreuz für Drogen sei. Und die "kollektive Paranoia", wie die Jellyfish-Truppe es nennt, sitzt tief. Viele trauen nicht einmal den Nachbarn, fast jeder hat während des Drogenkrieges jemanden verloren. Es wachse eine ganze Generation von Waisen heran.

Die "Jellyfish"-Gruppe gibt deswegen Street-Art-Workshops an Schulen und in den Armensiedlungen. Sie bemalen mit den Jugendlichen Häuser und Turnschuhe, bringen ihnen Siebdruck und Graffiti-Techniken bei. "Streetart kann ihnen zeigen, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, sich zu entwickeln", sagt Atenas, 26. Sie glaubt, dass den Jugendlichen Vorbilder, Inspiration, Freizeitangebote fehlen. Als Teenager hat sie sich im Nachtleben der Grenzstadt amüsiert - heute ließen Eltern ihre Kinder kaum nach draußen.

Wenn die Künstler von "Jellyfish" ihre Wandbilder malen, kommen jedes Mal neugierige Passanten, Nachbarn und sogar Polizisten vorbei, fragen nach, manche bringen sogar Essen. Die "Jellyfish"-Truppe hofft, dass die Menschen wieder mehr Vertrauen zueinander fassen. "Wir werden aber erst in 10 oder 15 Jahren sehen, ob wir es wirklich schaffen, etwas zu verändern", sagt Kukui. Dann ist die Generation, die mit dem Drogenkrieg groß geworden ist, erwachsen.

Quelle: Der Spiegel

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