Ein Dorf als Leinwand

Murales als politische Deklaration

In Erriadh, einer kleinen Gemeinde auf der Ferieninsel Djerba, haben etwa 150 Künstler aus rund 25 Ländern das Street-Art-Projekt Djerbahood realisiert.

In Erriadh mit seinen weiß getünchten Häusern, auf denen die bunten Graffiti besonders gut zur Geltung kommen, leben seit Jahrhunderten Juden und Muslime mehr oder weniger friedlich nebeneinander. Hier steht die Al-Ghriba-Synagoge, deren Ursprünge ins 6. Jahrhundert zurückreichen und die das älteste jüdische Gotteshaus Nordafrikas war. Der Neubau wurde 2002 Ziel eines Anschlags, der auch viele deutsche Urlauber tötete und die Eintracht Erriadhs erschütterte. Doch ansonsten ist der Ort ein Beispiel für friedvolles Zusammenleben.

Ein großes Kunstwerk unter freiem Himmel
So muss das auch Mehdi Ben Cheikh gesehen haben, der das Projekt Djerbahood mit seiner Galerie Itinerrance aus Paris ins Leben gerufen hat. Nach der Vertreibung des Langzeitdiktators Ben Ali lud er Street-Art-Künstler aus der ganzen Welt ein: aus Frankreich, Japan, Deutschland, Mexiko, Südafrika - und aus Tunesien selbst. Im vergangenen Sommer kamen sie für jeweils eine Woche nach Erriadh. Auch Christian Krämer war da, sprühte sein biblisches Motiv und ist nun Teil des großen Gesamtkunstwerks unter freiem Himmel, zugänglich für jeden Besucher.

Der Besucher spaziert durch die sauberen Gassen, blickt nach links, schaut nach rechts, und immer wieder taucht ein neues Wandgemälde auf. Man trifft auf stolze Frauen- und ernste Männergesichter, auf Einhörner, Raubkatzen, abstrakte Motive. Oft harmonieren die Kunstwerke perfekt mit der Architektur - etwa wenn die Kuppel auf dem Dach eines Hauses den Kopf einer aufgesprühten Krake bildet. So wird der Ausflug nach Erriadh zum inspirierenden Vergnügen.

Die Bewohner von Erriadh hatten gegen die Wandbilder auf ihren weißen Häusern letztlich nichts einzuwenden. "Manche wollten auf einmal auch ein Bild haben, weil der Nachbar eines hatte", erzählt Isabelle Planchon, die in Erriadh das kleine Boutique-Hotel "Dar Bibine" betreibt. Es ist in traditionellem Stil gebaut und hat eine modern-minimalistische Einrichtung. Diese Kombination zieht vor allem kosmopolitische Individualreisende an.

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